Mathematik

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Schwach im Rechnen – Dyskalkulie? Von Hans-Dieter Gerster, Padagogische Hochschule Freiburg Die Begriffe „Dyskalkulie“, „Arithmasthenie“, „Rechenstorung“, „Rechenschwache“ sind wissenschaftlich nicht geklart. Die Begriffe „Dyskalkulie“ und „Arithmasthenie“ werden vor allem im medizinischen, sonderpadagogischen und psychologischen Bereich sowie in den Medien, z. B. im Internet, verwendet. Sie suggerieren das Vorhandensein einer Krankheit, die eine (au? erschulische) „Therapie“ erfordere. Im Bereich der Schule und der Mathematikdidaktik sind eher die Begriffe „Rechenstorung“ und „Rechenschwache“ gebrauchlich.

Haufig werden diese Begriffe synonym verwendet. Angemessen erscheint dagegen die Formulierung „besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens“, analog zu den „Grundsatzen zur Forderung von Schulern mit besonderen Schwierigkeiten des Lesens und Rechtschreibens“, die in Deutschland von der KMK (Kultusministerkonferenz) bereits 1978 fur den Bereich der „Legasthenie“ formuliert wurden. Als Richtschnur dient seit 1991 haufig die Definition „Rechenstorung“ nach der ICD 10 (International Classification of Diseases) der WHO (Weltgesundheitsorganisation).

Diese fuhrt „Rechenstorung“ unter dem Code F81. 2 als „Entwicklungsstorung“ an und definiert sie wie folgt: „Diese Storung beinhaltet eine umschriebene Beeintrachtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklarbar ist. Das Defizit betrifft die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die hoheren mathematischen Fertigkeiten, die fur Algebra, Trigonometrie, Geometrie und Differential- sowie

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Integralrechnung benotigt werden. Weiter hei? t es in den „diagnostischen Leitlinien“: „Die Rechenleistung des Kindes muss eindeutig unterhalb des Niveaus liegen, welches aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz und der Schulklasse zu erwarten ist. Dies wird am besten auf Grundlage eines standardisierten Einzeltests fur Rechenfahigkeit beurteilt. Die Lese- und Rechtschreibfahigkeiten des Kindes mussen im Normbereich liegen, nach Moglichkeit beurteilt auf der Grundlage einzeln angewendeter, angemessener standardisierter Testverfahren.

Die Rechenschwierigkeiten durfen nicht wesentlich auf unangemessene Unterrichtung oder direkt auf Defizite im Sehen, Horen oder auf neurologische Storungen zuruckzufuhren sein. Ebenso durfen sie nicht als Folge irgendeiner neurologischen, psychiatrischen oder anderen Erkrankung erworben worden sein. “ Dieser Versuch, das international gebrauchliche Wort „dyscalculia“ zu ubersetzen, ist fur eine wissenschaftliche Begriffsklarung unbrauchbar und fur die Forderung der Kinder eher kontraproduktiv1.

Hierbei handelt es sich um eine Diskrepanzdefinition2, die Kinder mit schwachem IQ-Wert, mit eindeutig unangemessener Unterrichtung oder mit neurologischen oder sonstigen Erkrankungen ausschlie? t. Ausgeschlossen sind nach dieser Definition auch Kinder, die zugleich Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten haben. Schwach im Rechnen – Dyskalkulie? Hans-Dieter Gerster 1/2 Einwande gegen diese Definition: – Haufig gehen in die IQ-Messung auch Rechenleistungen ein. Dadurch wird der IQ des „rechenschwachen“ Kindes verringert, so dass es eventuell aus der Definition herausfallt. Rechenstorung kann nach dieser Definition als Personlichkeitskonstrukt (Eigenschaft des Kindes) missverstanden werden. Au? erhalb des Kindes liegende Ursachen werden dabei vernachlassigt. – Die Definition kann als Erklarung missverstanden werden. Dann entsteht ein logischer Zirkelschluss: Ein Kind ist rechenschwach, weil es „rechenschwach“ ist. – „Eindeutig unangemessene Beschulung“ ist unklar. Ware die Beschulung dem individuellen Lernstand des jeweiligen Kindes voll angemessen, gabe es nur sehr wenige „rechenschwache“ Kinder. Die Definition wird oft als Ma? stab fur die Notwendigkeit von Forderma? nahmen verwendet. Dies ist vor allem dann fragwurdig, wenn dadurch Kinder von angemessenen Forderma? nahmen ausgeschlossen werden, die diese besonders dringend brauchten. Auch Kinder mit geringerer Intelligenz, mit eindeutig unangemessener Beschulung oder mit kombinierter Storung schulischer Leistungen benotigen Forderung. Fazit: Der Begriff „rechenschwach“ ist lediglich eine Beschreibung dafur, dass ein Kind schwach im Rechnen ist. Er darf nicht als eine Erklarung missverstanden werden.

Er soll auch nicht als ein Personlichkeitskonstrukt (als eine Eigenschaft des Kindes allein) verstanden werden. Immer sind Bedingungen aus dem sozialen Umfeld (Familie, Schule) beteiligt. Die Entscheidung uber schulische Forderma? nahmen sollte nicht abhangig sein von der Zuschreibung einer „Krankheit“ oder „seelischen Behinderung“. Sie sollte sich stutzen auf Erkenntnisse uber den Schweregrad der Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens und die Einschatzung der Bedeutung dieser Schwierigkeiten fur das weitere Rechnenlernen.

Die dafur erforderliche Diagnostik soll zugleich brauchbare Hinweise fur Forderma? nahmen liefern. Die vorliegenden standardisierten diagnostischen Verfahren (Intelligenztests wie der HAWIK oder der K-ABC) eignen sich dafur nicht. Neuere mathematikdiagnostische Verfahren (DEMAT 1+3, DORT-E4, OTZ5, ZAREKI6, RZD 2-67) mussen auf ihre Brauchbarkeit in diesem Sinne erst noch uberpruft werden. Anmerkungen: 1 SCHIPPER, W. (2001). Thesen und Empfehlungen zum schulischen und au? erschulischen Umgang mit Rechenstorungen.

Den Artikel (pdf) finden Sie hier. 2 GRISSEMANN (1982) legt bei seiner Definition „Rechenversagen im Rahmen eines allgemeinen Underachievement“ im Rechnen den Prozentrang < 15 und IQ > 90 zugrunde. 3 KRAJEWSKI, K. /KUSPERT, P. /SCHNEIDER, W. : DEMAT 1+. Deutscher Mathematiktest fur erste Klassen. Gottingen: Beltz Test. 4 MOOG, W. /SCHULZ, A. (1999). Zahlen begreifen. Diagnose und Forderung bei Kindern mit Rechenschwache (mit Test- und Trainingsverfahren) Neuwied: Luchterhand. LUIT, J. E. H. van/RIJT, B. A. M van de/HASEMANN, K. (2001). OTZ: Osnabrucker Test zur Zahlbegriffsentwicklung. Gottingen: Hogrefe. 6 ASTER, M. von (2001). ZAREKI: Neuropsychologische Testbatterie fur Zahlenverarbeitung und Rechnen bei Kindern. Frankfurt a. M. : Swets & Zeitlinger. 7 JACOBS, C. /PETERMANN, F. (2005): RZD 2 – 6: Rechenfertigkeiten- und Zahlenverarbeitungs-Diagnostikum fur zweite bis sechste Klasse. Gottingen: Hogrefe Schwach im Rechnen – Dyskalkulie? Hans-Dieter Gerster 2/2